Kapelle Rossauer Kaserne

Die Kapelle wurde 1876 geweiht und geriet in den 1990er Jahren in Vergessenheit. Nach umfassender Renovierung und neuer raumliturgischer Gestaltung sowie künstlerischer Ausgestaltung wurde sie im Okt. 2018 der Landespolizeidirektion Wien zur Nutzung übergeben.

Die Anforderungen an den künstlerischen Entwurf für die Kapelle der Rossauer Kaserne waren komplex. Unterschiedlichste Parameter waren zu berücksichtigen. Zum einen die historische Substanz des Raumes in seiner Formfindung und in seiner inhaltlichen Aussage, zum anderen die Neuausrichtung der Kapelle, um im Sinne des zweiten Vatikanischen Konzils Gottesdienst feiern zu können. Neben der Nutzung für den Gottesdienst sollte der Raum so gestaltet werden, dass er auch zur persönlichen Andacht genutzt werden kann. Zusätzlich sollte sowohl der Besonderheit des Ortes Polizeikaserne als auch der besonderen Gemeinschaft der Polizistinnen und Polizisten Rechnung getragen werden.

Die Kapelle liegt im süd-westlichen Teil der zwischen 1864 und 1870 nach den Plänen von Oberst Karl Pilhal und des Majors Karl Markl an strategischer Stelle errichteten Defensivkaserne am Donaukanal. Sie ist in der Mittelachse über der Einfahrt zum ersten Hof vom Schlick-Platz aus situiert und der heiligen Elisabeth von Thüringen geweiht. Durch die Front zum Donaukanal hin ist die Kapelle nicht geostet, sondern nach Nord-Osten hin ausgerichtet.
Damit wird deutlich, dass die Position im Gefüge wichtiger war als die historische Tradition der Ostung. Der Wille zur Sichtbarkeit der Kapellen von Verteidigungsanlagen nach außen spielte im Mittelalter sowohl religiös als auch medial eine Rolle. Die Lage der Elisabethkapelle stellt sich aber anders dar. Denn obwohl sie zum Donaukanal hin ausgerichtet ist, liegen zwei Innenhöfe zwischen Kapelle und vermuteter Angriffsfront. Damit erschließt sich die Sichtbarkeit nicht dem Feind oder Angreifer, beziehungsweise einer allgemeinen Öffentlichkeit, sondern den Nutzern innerhalb der Kaserne, in Berücksichtigung der Baufunktion also dem Militär.
Beim Durchschreiten der Höfe und beim Verlassen der Kaserne durch das Tor am Schlickplatz wird der Blick auf das Kapellenrisalit gelenkt. Die hohen Fenster und die Architektursprache der Fassadengliederung lassen unwillkürlich an der Fassade ablesen: hinter diesen Mauern befindet sich eine Kapelle.
Eine im Mittelalter tektonisch notwendige, für die Außenwelt bestimmte Formensprache wird genutzt, um Religiosität nach innen hin sichtbar zu machen. Ihre statische Notwendigkeit ist nicht mehr gegeben. Gestaltung wird hier zum Zitat. Durch die profane Nutzung der Kapelle am Ende des 20. Jahrhunderts verlor die außen ablesbare architektonische Gestaltung ihren Funktionszusammenhang und der Raum seine Bedeutung.
Mit der aufwendigen Restaurierung und durch die Wiedererrichtung als Kapelle wird die Möglichkeit seiner Nutzung als spiritueller Rückzugsort und als Ort des gemeinsamen Gottesdienstes der Polizei geschaffen. Die Erweiterung des Patroziniums um den Erzengel Michael verdeutlicht die Ausrichtung des Raumes auf die Gemeinschaft der Polizei.

 © Text: Auszug aus: „Die Kapelle in der Roßauer Kaserne – Geschichte und Neugestalt“, Bundesministerium für Inneres (Hg.), Text: Elena Holzhausen (Mag. Phil.) Diözesankonservatorin der Erzdiözese Wien, Fotos: Dieter Henkel

AkteurInnen:

Architektur: Karl Pilhal, Karl Markl
Liturgisches Konzept: Roman Dietler und Wolfgang Moser
Künstler: Jochen Höller

Adresse:

1090 Wien, Schlickplatz 6

Öffnungszeiten:

Sa 10 - 17 Uhr

Erreichbarkeit:

U2 Schottentor
U4 Schottenring
Linie 1, 71 Börse
Linie D Schlickgasse

Baujahr:

1865-1869
Kapelle geweiht 1876

Links:

www.pastoral.at